• Friedhelm Boschert

Das überforderte Gehirn

Aktualisiert: 4. Feb 2019

- und was Sie tun können, um wieder konzentriert zu sein

Beobachten Sie sich selbst



Wie oft wandert Ihre Aufmerksamkeit beim Lesen dieser Zeilen zu einem anderen Thema? „Ich sollte noch gleich meinen Kollegen anrufen“, „ich will noch das Hotel buchen“, „müsste mal eben meine Mails checken“ und dazwischen informiert sie noch Ihr Smartphone über eine Nachricht auf WhatsApp … und so geht es in einem fort. Manche Zeilen fangen Sie dreimal zu lesen an, weil jedes Mal ein neuer-alter Gedanke, eine andere Ablenkung dazwischen funkt. Nicht gerade sonderlich effizient, oder? Und ganz schön nervig.


Das Zeitalter der Informationsüberlastung

Kommen dann zur Abgelenktheit noch innere Unruhe, Ungeduld, gar Panik, die ganze Arbeit nicht mehr bewältigen zu können hinzu, dann sind Sie schon auf dem besten Weg ins „Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom“ (Attention Deficit Trait, kurz ADT). Neurologen warnen bereits vor einer Breitenwirkung, denn der Arbeitsdruck in den Unternehmen bis hin zur 24/7-online-Verfügbarkeit überfordert konstant unser Gehirn. Der Neurowissenschaftler Daniel J. Levitin spricht gar vom „Age of Information Overload“. Diese permanente Überforderung unseres Gehirns macht uns nicht nur ineffizienter, sondern auf Dauer auch krank. Und führt zusätzlich im Alltag von Managern zu brandgefährlichen Situationen.


Wer hat die Kontrolle?

Warum ich das so drastisch ausdrücke? Wollen Sie etwa von Entscheidungsträgern bestimmt sein, die Entscheidungen unkontrolliert impulsiv und agressiv treffen, die unflexibel überhaupt nicht mehr mit unvorhergesehenen Situationen umgehen können, die den Blick für das große Ganze verloren haben, niemanden mehr fragen und nur noch hoch emotional durch die Gegend rennen? Genau das aber passiert, wenn der Präfrontale Cortex, das Gehirnteil, mit dem wir normalerweise Planen, Organisieren, Ordnen und Entscheiden, unter der Überlast an Informationen und der Angst, alles nicht mehr bewältigen zu können, die Kontrolle abgibt. An untere, ältere Hirnteile, die – vereinfacht gesagt – für das Überleben in der freien Natur zuständig sind. Die übernehmen dann die Steuerung. Und da gibt es nur Schwarz und Weiß, da wird nicht lange gefackelt, weglaufen oder kämpfen, alles verläuft im Tunnelblick und mit hohem Ausstoß an Hormonen. Klar denken – Fehlanzeige! Alles schlecht für’s Geschäft, schlecht für’s Klima im Team und ganz schlecht für die Gesundheit.


Alte Rezepten taugen nicht mehr

Und was tun Sie dagegen? Sie denken die ganze Zeit verzweifelt darüber nach, wie Sie noch etwas Zeit herausschinden können, wo Sie noch eine Aufgabe weglassen könnten. Noch weniger Schlaf und noch weniger Wochenende. Und? Schon was erreicht damit? Eher nicht – die Chancen, dass Sie weniger E-Mails erhalten oder dass Ihre To-Do-Liste kürzer wird, stehen eher schlecht. Reduzieren geht nicht, funktioniert nicht – das sollten Sie nach 25 vergeblichen Anläufen mittlerweile eigentlich gemerkt haben und sich eingestehen. Der fehlende Schlaf macht Sie übrigens noch anfälliger für ADT. Aber Sie versuchen es jeden Tag mit den alten Lösungen nach dem Motto: more of the same.


LASSEN SIE’S BLEIBEN!

Probieren Sie doch mal, die Sache auch vom Gehirn her anzugehen. Ja richtig, von Ihrem Gehirn her. „Train your brain to focus“, so titelte Paul Hammerness, Professor an der Harvard Medical School, schon vor Jahren einen Aufsatz über Ablenkung. Und sein Kollege Michael Merzenich von der University of California erklärt auch warum: „The more you focus, the more your brain releases a chemical called noradrenaline, which helps you concentrate on the task at hand“.


Achtsamkeit - der Stoff, der konzentrieren hilft

Daher sollten Sie zuerst noch kurz einige Basics darüber wissen, wie der Zusammenhang von Ablenkungen und Unkonzentriertheit sich aus neurophysiologischer Sicht darstellt. Ihr Körper produziert einen Stoff, genauer einen Neurotransmitter, namens Noradrenalin. Dieser fördert sowohl Aufmerksamkeit, als auch Wachheit und Konzentration. Bei andauernd starkem Stress fällt der Noradrenalin-Pegel auf tiefe Werte. Deshalb kommt es zu einer unheilvollen Verbindung: hoher Stress, Müdigkeit und starke Konzentrationsmängel.

Da Neurotransmitter nur bei Bedarf ausgeschüttet werden, kann man diesen Bedarf auch durch regelmäßiges Fokus-Training hervorrufen. Achtsamkeits-Training ist eine solche Methode. Damit lenken wir unsere Aufmerksamkeit und konzentrieren uns auf ein bestimmtes Objekt, den Atem etwa. Schweifen wir ab, dann lenken wir die Aufmerksamkeit ruhig und gelassen wieder zurück auf das Objekt, auf das wir uns konzentriert haben. Versuchen Sie es mal mit Ihrem Atem: bleiben Sie eine Minute ganz bei Ihrem Atemfluss. Kehren Sie bei Abschweifungen geduldig wieder zurück. Und wieder und wieder. So lernen Sie, Ihre Aufmerksamkeit zu lenken. Und das ist nichts anderes als ACHTSAMKEIT.

So, und was machen wir, was machen Sie, nun damit?


#Kontrolle zurückgewinnen

Das Noradrenalin-Wissen sagt uns nur, dass wir regelmäßig trainieren müssen, sonst lernt unser Körper das nicht. Am besten mehrmals täglich. Das Gehirn-Wissen sagt uns, dass wir die Impulse, die uns unser #Gehirn sendet, früh und sorgfältig registrieren sollten. Überlastungen früh erkennen und diese sich vor allem auch eingestehen. Auch jene Impulse erkennen, die uns automatisch handeln lassen, ohne dass wir Einfluss haben. Z.B. bis zu 5 mal in 10 Minuten zum Smartphone zu greifen, um E-Mails zu checken oder Nachrichten abzurufen und so weiter. Impuls-Kontrolle ist also angesagt, raus aus dem automatischen Modus des Getriebenseins. Mit #Achtsamkeit. Gewinnen Sie die Lufthoheit über Ihre Gedanken und Emotionen wieder zurück.


Was aber, so fragen Sie nun, können Sie praktisch tun, vor allem zur Vorbeugung?

Über die Um-Organisation Ihres Alltags – z.B. das Einbauen von „Denkpausen“ oder feste Zeiten der Mailbearbeitung – will und kann hier nicht näher eingehen. Gehört aber selbstverständlich dazu. Ebenso der Schlaf. Da Sie nun ja wissen, dass zu wenig Schlaf das Problem verschärft, sollten, nein müssen Sie auf ausreichend Schlaf und viel Bewegung achten. Für den Sie mit Achtsamkeits-Übungen wie dem Body-Scan sorgen und den sie damit auch verbessern können.


„Mindful Moments“ verändern der Alltag

Achtsamkeit sollten Sie übrigens nicht als eine Sammlung von tools betrachten, sondern als eine Lebenshaltung. Markieren Sie für den Anfang 5 Zeitpunkte über den Arbeitstag verteilt – ich nenne sie „mindful moments“ – an denen Sie für 2 Minuten sich ganz auf Ihren Atem konzentrieren. Nicht mehr und nicht weniger. Ist eine tägliche Investition von 10 Minuten in Ihre Produktivität und Gesundheit. Halten Sie vor Sitzungen, Gesprächen, Telefonaten 1 Minute inne. Sitzen oder stehen Sie aufrecht und konzentrieren Sie sich nur auf sich selbst. Nochmal 10 Minuten Investitionen. Macht für den Anfang zusammen 20 Minuten, die sie in Ihre Produktivität und Gesundheit investieren sollten. Doch nicht allzuviel oder?

Und wenn Sie merken, dass eine Lawine auf Sie zukommt und Ihr Gehirn zu rasen beginnt, dann stehen Sie auf und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das entgegen gesetzte Ende, auf Ihre Fuss-Sohlen. Spüren Sie den Boden, Ihr Gewicht, die sanften Gewichtsverlagerungen und bleiben Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit an dieser Stelle für einige Minuten. Das entlastet Ihr Gehirn und der Präfrontale Cortex behält die Kontrolle. Das wiederum erlaubt Ihnen, klare Prioritäten zu bilden.

Sie sehen also, dass Achtsamkeit Ihnen eine andere Perspektive bietet, einen anderen Zugang zur Problemlösung ermöglicht. Und vor allem das Problem an der Wurzel anpackt.

MINDFUL SOLUTIONS – es gibt immer auch die achtsame Lösung.


Herzlichst

Friedhelm Boschert


Im nächsten Blog beschäftigen wir uns mit agilen Teams und digitalen Arbeitswelten.

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