• Friedhelm Boschert

Ist eh nicht alles schon zu spät? "Wir sind dran"

Aktualisiert: Juli 22

Warum wir trotz Naturzerstörung, Klimawandel und sozialer Ungleichheit den Mut nicht verlieren sollten


Meine wesentlichste Erfahrung während des lock-Down ist der deutlich geschärfte Blick auf zwei Dinge: auf das wirklich Essentielle im Leben und auf die Möglichkeit der Freisetzung von Veränderungskräften, denen auch das scheinbar Unmögliche gelingt.

Soziale Distanz und Nähe zur Natur

Eine der erhöhten sozialen Distanz entgegengesetzte Erfahrung war die viel größere Nähe zur uns umgebenden Natur. Wie genau wir das Wachsen von Katzenminze und Teichschilfrohr registrierten, das Entfalten der Klatschmohnblüten und der Schafgarbe. Das Spüren des morgentaufrischen Grases unter den Füssen verband uns stärker als zuvor mit der Erde. Der unzerkratzte blaue Himmel ließ uns frei atmen, die Flora und Fauna umhüllten uns mit Düften und Wohlsein. Ohne das Erleben und Spüren der Natur wäre social distancing, wäre der lock-down nicht zu ertragen gewesen. Wir spürten aber deutlicher als zuvor die Zerbrechlichkeit der Natur, wenn wieder einen Kahlschlag im Auwald entdeckten, wieder eine Baustelle auf einer Wildwiese, wieder tote Tiere auf der Fahrbahn.

Die Erfahrung von Einheit und Ohnmacht

Und dann: Bilder von Menschen mit Gesichtsmasken, wohin wir auch schauten, in Manila, Lima, Nairobi, Paris und New York – kein Winkel der Erde, kein Mensch war ausgespart. Die ganze Menschheit mit Masken, die ganze Menschheit der gleichen Bedrohung ausgesetzt. Das „WIR“ auf diesem Planeten waren plötzlich kein Wort, kein Konzept mehr, ich spürte im tiefsten Inneren und deutlicher als je zuvor, wie eng wir doch miteinander verbunden sind. Eine Menschheit. Auf einem kleinen Planeten.

Doch nach wie vor die verstörenden Bilder der brennenden Regenwälder, der alles verschlingenden Plastikflut in den Ozeanen, der vor Wasser-Fluten flüchtenden Menschen, der Heuschreckenschwärme in Afrika und Indien, von hungernden Kindern und sterbenden Eisbären. Oder hier in Österreich, das noch immer die Nr. 1 in Europa im Flächenverbrauch ist, wo täglich die Fläche von 18 Fussballfeldern zubetoniert wird. Immer meldete sich dabei die bange Frage: Lässt sich diese ungeheuere Wucht der Zerstörung noch stoppen? Lässt sich das alles noch reparieren? Können wir wirklich noch was tun? Oder ist nicht eh schon alles zu spät?

Naturbewahrung spürbar werden lassen

Glücklicherweise gibt es immer wieder Momente im Leben, da stehen einem die Dinge plötzlich glasklar vor Augen. Mitte Mai, 5 Wochen nach dem lock-down erlebte ich einen dieser wertvollen Momente. Der Philosoph Jens Soentgen schrieb in „DIE ZEIT“ über das bisherige Versagen der Institutionen im Klimawandel und wie Politik dennoch wirksam sein könnte, indem sie „… regional wie lokal Verbesserungen der Umwelt und Lebensqualität herbeiführt …“, „… einen erkennbaren und spürbaren ökologischen Nutzen stiftet, noch zu Lebzeiten …“ und: das Klimadenken sollte wegkommen von der Reduzierung auf eine Gradzahl. “Und es sollte lokal eine Klimaresilienz gelten, die Artenvielfalt fördert“. Da machte es Klick. Lokale Initiativen, die Natur und Naturbewahrung spürbar und erfahrbar werden lassen. Die somit, ganz ohne Appelle, zu Veränderungen in den Konsumgewohnheiten, in der Geldanlage, in der Mobilität, im Umgang mit sich führen können. Und das Schöne daran: dazu muss man weder in die Politik gehen, noch sich von der Kleinheit lokaler und regionaler Projekte entmutigen lassen.

Biotope als ökologische Inseln

Ja, wir können – und müssen - sinnvolle Beiträge leisten! Das Schützenswerte vor Ort greifbar, erfahrbar und erlebbar zu machen, im unmittelbaren Kontakt zu spüren, WAS geschützt und erhalten werden soll, kann ein Mehr an Veränderung bewirken, als rein intellektuelle Debatten zur Klimaneutralität. Damit sollen weder Bücher, Reports, Talks und Konferenzen (allerdings: seit 1988 gibt es globale „Klima-Konferenzen“ und der CO2-Anstieg geht ungebremst weiter) als überflüssig betrachtet werden. Aber sie brauchen für ihre Wirksamkeit einen Unterbau – das ist die persönliche Erfahrung, das persönliche Erleben der Menschen in und mit der Schönheit und Einzigartigkeit der Natur. Die Schaffung und Pflege lokaler Biotope, die Einrichtung von regionalen Naturschutzzonen, naturnahe Garten- und Freiflächengestaltung als Rückzugsort für Insekten und Pflanzen klingen angesichts der globalen Katastrophe nach wenig. Aber sie schaffen mehr als nur ökologische Inseln für bedrohte Pflanzen und Tiere. Bei den Menschen schaffen sie vielmehr Haltung und Bewusstsein für die Bewahrung der Schöpfung, denn „… letzten Endes muss unsere Rettung durch die Wiederentdeckung einer direkten Beziehung zu allem Lebendigen direkt vor unseren Augen kommen“, um Charles Eisenstein, den amerikanischen Kulturphilosophen zu zitieren. Genau darum geht es!

„Wir sind dran“

Aber eh nicht alles zu spät? Brauchen wir ein aus purer Verzweiflung geborenes Hoffnungs-Prinzip, wie das den Weltuntergang als unumgänglich sehende und fälschlicherweise Luther zugeschriebene „Pflanzen eines Apfelbäumchens im Angesicht der Katastrophe“? Das klingt zwar nett, aber ich denke das reicht nicht ganz aus. Andererseits mit den Worten des Club of Rome gefragt: „Kann unser gequälter Planet warten, bis die menschliche Zivilisation durch die Mühen einer neuen Aufklärung gegangen ist?“ Nein, so heißt es im 2017 veröffentlichten Bericht von A. Wijkman und E.U. von WeizsäckerWir sind dran“: „Zum Glück haben wir Grund zum Optimismus. Viele Trends laufen einigermaßen in die richtige Richtung. … Allerdings ist die Liste weitgehend auf den Menschen beschränkt. Ökologische Verbesserungen finden sich kaum ... Teil 3 (des Berichts, F.B.) stellt eine Fülle von Erfolgsgeschichten vor – oft lokale Initiativen. Sie zeigen, dass wir nicht resignieren müssen und das selbst Einzelne den großen Unterschied machen können“. Dem ist im Grund nichts hinzuzufügen. Machen wir den Unterschied!

Juli 2020


Kurzvortrag gehalten auf einer Benefiz-Veranstaltung für den Ankauf und die Bewahrung ökologisch wertvoller Flächen vor Ort und in der Region

Dr. Friedhelm Boschert, Geschäftsführer Mindful Finance Institute; ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender des Fördervereins Austria der Oikocredit; vormals Vorstandsvorsitzender Sberbank Europe/Volksbank International

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